In der Schusslinie
Es soll der perfekte Mord werden. Ein Kopfschuss erscheint mir ideal. Und ich habe eine Komplizin: Maria Rösler, 30 Jahre, Maskenbildnerin. Sie wird mir heute ihr Handwerk zeigen und meinem Leben – zumindest für einen Moment – ein Ende setzen.
Ein Selbstversuch von Caroline Cornfine
An dieser Stelle verrate ich euch gleich ein Geheimnis: Wäre ich nicht in der Medienbranche, stünden die Chancen recht gut, mich mit blutverschmierten Händen an leichenblassen Greisen hantieren zu sehen. Nein, weder Auftragskiller noch Notärztin standen jemals auf meiner Traumjob-Liste. Stattdessen habe ich vor einigen Jahren stark in Erwägung gezogen, Maskenbildnerin zu werden.
Noch heute sitze ich bei Filmen wie „Benjamin Button“ oder „Der Herr der Ringe“ wie gebannt vor dem Fernseher und frage mich, wie zum Henker die Maskenbildner diese Effekte hinbekommen. Und weil das für mich – und für euch – nicht länger ein Geheimnis bleiben soll, nehme ich bei Maria Rösler Platz.
Die 30jährige ist Studentin an einer der renommiertesten Maskenbildner-Schulen in Deutschland, der Hasso von Hugo Maskenbildner-Schule in Berlin-Mitte. Sie macht mich innerhalb von wenigen Minuten zum Todesopfer und erzählt nebenbei von der Faszination ihres Berufs und warum hochauflösende Kameratechnik für sie mehr Fluch als Segen ist.
Frei zum Abschuss
Hinsetzen, Umhang anziehen und los geht’s. Mit ordentlich Alkohol entfettet Maria erstmal meine Stirn. „Sonst hält hier
gar nichts“, erklärt sie. Sie mischt zwei unterschiedliche Silikonarten und modelliert fix die Wundränder. Wie kommt man eigentlich auf die Idee Maskenbildner zu werden? „Ich bin ein richtiger Spätzünder“, erzählt Maria. „Nach der Schule wusste ich im Gegensatz zu meinen Freunden nicht so wirklich, wo ich hin wollte. Deshalb habe ich mich selbst gefragt, was ich richtig gern mache. Und das ist Schminken. Wie der Zufall so will, habe ich auf einer Party eine Maskenbildnerin kennen gelernt. Ich habe sie bis aufs Äußerste gelöchert – bis sie mich zum Filmset mitgenommen hat. Ich war sofort infiziert. Darüber kam ich zu meinem ersten Praktikum – bei der Serie „Lasko – Die Faust Gottes“. In diesen sechs Monaten habe ich wirklich alles mitbekommen von ‚Wie mache ich Wunden?’ über ‚Wie mache ich schön hässlich?’ bis zu ‚Wie knüpfe ich Bärte oder Perücken?’. Ab da war für mich klar: Ich muss Maskenbildnerin werden. Genau da will ich hin.“
Mittlerweile ist das Silikon gehärtet. Jetzt kommt zum ersten Mal Farbe ins Spiel. Der durchsichtige Kreis auf meiner Stirn wird blutrot. In der Mitte ist er dunkler, das gibt dem „Einschussloch“ mehr Tiefe. Bisher habe ich nur Silikon und Farbe im Gesicht. Aber welche Materialien sind für die Arbeit eines Maskenbildners überhaupt essentiell? Maria weiß es natürlich: „Das kommt ganz darauf an, was man machen will. Für ein Beauty-Make-up brauche ich natürlich eine Grundierung, Camouflage, einen Abdeckstift, einen guten Puderlidschatten, Eyeliner, Lippenstift und Rouge in verschiedenen Farben. Bei einem Theater-Make-up arbeite ich mit Fettschminke. Für Wunden verwende ich wieder ganz andere Materialien. Das geht von Wachs über Silikon bis Tuplast (Mittel zur Gestaltung besonders realistisch wirkender Narben und anderer Hautveränderungen, Anm. d. Red.). Dazu kommen Blutpasten oder flüssiges Blut – es kommt wirklich immer darauf an, was man machen will.“
Blut sagt mehr als tausend Worte
Blut ist auch mein Stichwort. Genau damit geht es weiter. Um meine Wunde täuschend echt aussehen zu lassen, arbeitet Maria mit sogenanntem „Scratch Blood“. Die tiefrote Paste lässt sich punktgenau einsetzen und simuliert geronnenes Blut. Den Trick muss ich mir unbedingt für Halloween merken. Oder den nächsten Faschingsball. Damit bin ich ganz sicher ein Hingucker. Maria toppt mit ihrem Make-up auf einer Karnevals-Party bestimmt auch alles, oder? „An sich gehe ich nicht auf Faschings-Parties, aber Verkleiden ist natürlich voll mein Ding. Beim ganz normalen Ausgehen trage ich zum Beispiel gerne Perücken, ausgefallenes Make-up oder Outfits, die andere eher als Kostüm bezeichnen würden. Besonders gerne gehe ich als Hippie-Mädchen mit langen Haaren.“
Wenn ich als Hippie in die Redaktion käme, wäre ich ziemlich schnell Gesprächsthema des Tages. Da bleibe ich doch lieber bei Wimperntusche und Foundation. Ob man sich überhaupt noch schminkt, wenn man sowieso den ganzen Tag damit zu tun hat? „Sicher, ich liebe Make-up. Ich schminke mich eigentlich täglich. Wenn auch nicht viel: ein bisschen Grundierung, etwas Puder, Lidstrich. Aber zum Weggehen genieße ich es richtig, in den Schminktopf zu greifen und zu zeigen, was ich wirklich kann. In der Ausbildung wirst du jeden Tag geschminkt. Wir probieren alles aneinander aus und üben an unseren eigenen Gesichtern. Deshalb ist es total überflüssig, sich morgens zu schminken. Jeden Tag so viel Zeug ins Gesicht zu bekommen, hat meine Haut am Anfang extrem strapaziert. Mittlerweile hat sie sich Gott sei Dank regeneriert und ich kann mich auch wieder privat schminken.“
Von normaler Schminke kann bei mir nicht mehr die Rede sein, denn jetzt wird es richtig schmutzig. Mit einem Pinsel tupft mir Maria flüssiges Filmblut auf die Stirn und mein Einschussloch beginnt furchteinflößend zu tropfen. Ich fühle mich wie die Idealbesetzung für eine Eröffnungsszene beim „Tatort“. Beim nächsten Krimi werde ich mir die Verletzungen der Todesopfer mal genauer ansehen. Arme Maria, normal Filme schauen ist doch mit dem beruflichen Hintergrund gar nicht mehr möglich oder? „Natürlich schaue ich auf die Masken der Schauspieler, aber meistens erst, wenn ich den Film zum zweiten Mal sehe. Davor packt mich die Geschichte. Danach achte ich schon auf Perücken oder Bärte und frage mich, wie die Maskenbildner dies oder jenes gemacht haben. Aber ich kann Filme schon noch genießen.“
Eine Perücke brauche ich nicht. Nur noch etwas Lipgloss. Der lässt meine Wunde noch schön glänzen. Nach nicht einmal 15 Minuten ist mein Kopfschuss perfekt. Ich bin fasziniert.
Mut zur Hässlichkeit
Für einen Film wie „Benjamin Button“ sitzt Brad Pitt bestimmt etwas länger in der Maske. Für welchen Charakter Maria wohl gerne die Maske gemacht hätte? „Ich bin ein totaler Fan von „Herr der Ringe“. Untypischerweise weniger von den Orks (kleine Horror-Wesen der Fantasy-Welt „Mittelerde“, Anm. d. Red.). Viele meiner Mitstudenten haben wahnsinnig Bock auf eklige Sachen – Aliens oder Fratzen. Hauptsache es ist viel Blut im Spiel. Das ist nicht so mein Ding. Aber ein Hobbit (kleine, menschenähnliche Figuren, Anm. d. Red.) mit seinen Öhrchen und riesigen Füßen – das finde ich gut. Oder ein zartes Elbenmädchen (feenhafte Gestalten mit spitzen Ohren, Anm. d. Red.) wäre auch schön.
Schön fühle ich mich mit meiner klaffende Wunde mitten im Gesicht nicht. Aber bis auf das flüssige Blut spüre ich das Make-up kaum. Würde die Schauspieler ja auch bei der Arbeit behindern, wenn es anders wäre. Mit welchen Sorgen kommen die Darsteller überhaupt in die Maske? Was gehört alles zu den Aufgaben einer Maskenbildnerin? „Wir machen alles, was mit Veränderung von Haut und Haaren zu tun hat. Es gibt ja auch den Beruf des Visagisten. Die machen ausschließlich Beautygeschichten für den Laufsteg oder für Foto-Shootings. Bei ihnen gibt es nicht die Option Wunden zu kreieren oder Masken mit Gesichtsteilen (falsche Nasen oder Ohren aus Silikon, Anm. d. Red.) zu modellieren. Ein Maskenbildner kann beispielsweise auch Haare bewusst schrecklich aussehen lassen. Ein Penner von der Straße mit einer perfekten Frisur? Das passt einfach nicht.“
Schattenspiele
Zu Maria passt ihr Job wie die Faust auf’s Auge. Mit jedem Handgriff spüre ich ihre Begeisterung, mit jedem Wort ihre Leidenschaft. Was ist das faszinierendste für sie an ihrem Beruf? „Die Veränderung. Mit Licht und Schatten kannst du die Optik eines Gesichts komplett verändern. Man muss dabei gar nicht groß mit Gesichtsteilen oder Masken arbeiten. Allein durch Schminke kann man jemanden zum Beispiel deutlich älter erscheinen lassen. Oder man lässt die Haare unter einer Glatze verschwinden. Selbst mit einer simplen Perücke sieht ein Mensch total anders aus. Das finde ich toll.“
Trotz Loch im Kopf sehe ich immer noch aus wie ich. Dennoch scheint mir in der Welt einer Maskenbildnerin alles möglich – oder gibt es auch Grenzen? James Cameron hat in seinem Film „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ auf Computer, anstatt Maskenbildner, gesetzt. Sind solche Techniken, wie zum Beispiel das so genannte „Performance Capture“, die die Eindigitalisierung menschlicher Mimik und Gestik ermöglichen, nicht eine Gefahr für Marias Beruf? „Mit Sicherheit, obwohl ich mir darüber bisher eigentlich nicht viele Gedanken gemacht habe. Meiner Meinung nach wird man Maskenbildner immer brauchen, und wenn es nur für Kleinigkeiten ist – wie eine Perücke aufsetzen oder einen Bart ankleben. Ich denke nicht, dass der Beruf so schnell ausstirbt. Letztendlich ist es wohl auch billiger einen Maskenbildner zu engagieren, als hinterher alles am Computer nachzubearbeiten. Problematischer sehe ich im Moment eher HD-Fernsehen, also hochaufgelöste TV-Bilder. Die Leute sehen einfach nicht mehr so gut aus wie vorher, weil alles viel zu scharf ist. Die Kameras sind viel zu genau oder haben spezielle Filter. Dann muss man mit gewissen Farben wirklich aufpassen, sonst hast du plötzlich einen Blaustich in den Gesichtern. Momentan gibt es für HD leider noch nicht das richtige Make-up oder die passenden Techniken, um die gleichen tollen Effekte zu erzielen wie bei regulärer Auflösung.“
Auch mein Todesschuss ist ein toller Effekt, aber eben nur ein Effekt: Wattepad und Alkohol – fertig ist die Wunderheilung. So was geht nur beim Film!
Hier in der Bildergalerie gibt es für den “Tod in 15 Minuten” nochmal Schritt für Schritt.
Maria zeigt uns ganz genau wo sie täglich schminkt, gießt und modelliert.
Maskenbildner sind Künstler. Lasst euch einfach verzaubern – von den Abschlussarbeiten der Studenten der Hasso von Hugo-Maskenbildner-Schule.

