© sogehtfilm.de

Der Trick mit dem Ton

Knarrende Türen in einem alten Schloss, brutzelndes Fett in einer Pfanne oder Schritte auf Asphalt – Geräusche machen einen Film lebendig. Was viele nicht wissen: sie sind echte Handarbeit. Ein Geräuschemacher sorgt für den richtigen Klang.

Von Kristina Gründken

Klack-klack-klack: rhythmisch tritt Peter Sandmann mit dem rechten Fuß auf eine Steinplatte. Gleichzeitig läuft auf einem großen Bildschirm vor ihm ein osteuropäischer Kinofilm – ohne Ton. Wer Sandmann nicht sieht, würde denken, die Schritte gehören zum Film.

Peter Sandmann ist Geräuschemacher. Im Tonstudio in Berlin-Johannisthal hat er Kästen mit verschiedenen Böden aufgebaut. Um ihn herum liegen jede Menge Schuhe. “Heute vertonen wir die Schritte der Hauptfigur”, erklärt Sandmann. Dabei achtet er auf jede Kleinigkeit. “In diesem Film sieht es so aus, als wären viele Straßen kaputt und dreckig”, meint er und streut noch ein bisschen Sand und kleine Steinchen auf den Boden. Weiter geht’s, klack-klack-klack über den Asphalt.

Bud Spencer muss spektakulär klingen

Fast alle Geräusche in Kino- und Fernsehfilmen werden nicht in der jeweiligen Szene, sondern nachträglich im Studio aufgenommen. Nicht mit Geräuschen aus dem Archiv, sondern in echter Handarbeit. “Das geht schneller und es wirkt hinterher viel lebendiger”, weiß Peter Sandmann. “Lass nur einen hinken oder einen abgebrochenen Absatz haben – das kriegst du mit Archivgeräuschen gar nicht imitiert”.

Tonmeister Markus © sogehtfilm.de

Tonmeister Markus am Mischpult © sogehtfilm.de

Im Nebenraum sitzt Tonmeister Markus am Mischpult. Er kontrolliert ob alles passt. “Ich lasse bei der Aufnahme oft nebenbei den Originalton mitlaufen und schaue, ob das auch zusammenpasst”, erklärt er. “Wenn ich Schritte mit den neuen verstärken will, muss ich sehr genau darauf achten, dass sie die gleiche Charakteristik haben.” Dass die Nachvertonung überhaupt notwendig ist, hat einen einfachen Grund. “Wenn Bud Spencer dir ein paar um die Ohren haut, dann hört sich das ja ganz speziell, aber in der Natur klingt das sehr unspektakulär”, erklärt der Tonmeister. “Selbst beim Dokumentarfilm erwarten die Zuschauer heutzutage, dass alles gut klingt.”

Aber auch für die internationalen Versionen sind die nachvertonten Geräusche wichtig. Schließlich will man später die Sprache austauschen, ohne dass sich die Geräuschkulisse komplett verändert. Oft plant man deshalb von vorneherein, die Geräusche später aufzunehmen und bemüht sich, diese beim Dreh zu vermeiden. Zum Beispiel, indem die Schauspieler über Gummimatten laufen oder Geschirr eine Unterlage aus Gummi oder Filz bekommt.

Knochenknacken mit Lasagne

Für die Geräusche eines Kinofilms braucht Geräuschemacher Peter Sandmann ungefähr eine Woche, für einen Fernsehfilm meist nur drei Tage. “Beim Fernsehen macht man oft mehrere Geräusche gleichzeitig”, erklärt er. “Das geht natürlich doppelt so schnell, aber die Geräusche liegen dann auf einer Tonspur und man kann sie später nicht mehr trennen.” Ein Problem, wenn zum Beispiel das Verhältnis nicht stimmt, also das Rascheln zu laut ist und die Schritte zu leise sind.

Im Tonstudio beschleunigt Peter Sandmann seine Schritte. Im Film wird es jetzt hektischer, die Schauspielerin rennt über die Straße. Der Geräuschemacher trägt links und rechts verschiedene Schuhe, damit er schnell reagieren und die Schrittgeräusche verändern kann, wenn die Frau zum Beispiel von Asphalt auf eine Grasfläche wechselt. Hier klingen die Schritte dumpfer. Was bei Sandmann heute so spielerisch und einfach aussieht, ist das Ergebnis jahrelanger Übung. Peter Sandmann hat den Beruf vor zwanzig Jahren von einem anderen Geräuschemacher gelernt. Kreativität und Rhythmusgefühl sind für seine Arbeit besonders wichtig.

Mit den richtigen Hilfsmitteln kann ein Geräuschemacher fast jedes Geräusch nachbilden. Knochenknacken lässt sich beispielsweise mit Sellerie nachahmen, aber auch mit Lasagneplatten oder Möhren funktioniert es gut. Dass diese Tricks funktionieren, liegt daran, dass es nur wenige Geräusche gibt, die wir eindeutig identifizieren können. In dem Moment, in dem wir sie mit dem Bild zusammenbringen und es halbwegs logisch klingt, wird niemand denken dass da kein Knochen gebrochen wurde, sondern eine Möhre.

Teste dein Gehör! Erkennst du, wie diese Geräusche erzeugt wurden?





Für Herzklopfen braucht man kein Ultraschallgerät. Wie wird's gemacht?





Ein quitschender Korbstuhl - ohne Stuhl. Wie wird's gemacht?







 

Experimentieren und Sammeln

“Moment, kann ich die letzte Szene noch mal sehen?” Sandmann unterbricht die Aufnahme. Die Hauptdarstellerin ist in einen Bus gestiegen, ihre Schritte auf den Trittstufen klingen hohl und etwas metallisch. Der Geräuschemacher schnappt sich einen leeren Plastikkoffer mit Metallkanten als Unterlage und wiederholt die Szene – jetzt klingt es richtig.

Für jeden Schritt der richtige Schuh © sogehtfilm.de

Für jeden Schritt der richtige Schuh © sogehtfilm.de

Um die passenden Geräusche zu finden, muss ein Geräuschemacher mit den unterschiedlichsten Utensilien experimentieren. Eine Standardausrüstung hat Peter Sandmann immer im Auto. “Aber ich gucke mir natürlich den Film vorher an und wenn ich für einen Ritterfilm Schwerter brauche, dann packe ich eben Schwerter ein. Notfalls muss ich die besorgen, zum Beispiel auf dem Trödelmarkt.” Alles, was einmal schön geklungen hat, kommt ins Lager. “In den letzte zwanzig Jahren habe ich so viel Zeug angesammelt, das ist schon beängstigend”, sagt Sandmann und lacht. “Manchmal denke, ich müsste etwas aussortieren. Das habe ich schon mal gemacht und hab’ das natürlich prompt in der nächsten Woche gebraucht”.

Nach gut fünf Stunden ist der Geräuschemacher mit den Schritten der Hauptfigur fertig, morgen geht es weiter. Als nächstes sind die Schritte der anderen Personen dran, dann die restlichen Geräusche. Türen, Geschirrklappern, Reißverschlüsse. Gemeinsam mit Toningenieur und Sounddesigner wird er noch mindestens vier weitere Tage an diesem Film arbeiten. Zufrieden sind sie erst, wenn sich alles echt anhört. Oder, wie Peter Sandmann sagt: “Wenn es gut ist merkt keiner, dass wir was gemacht haben.”