Schauspieler Udo Kier in „Iron Sky“

Können Sie mich auch gut sehen?

Die letzte Klappe ist längst gefallen, der Schnitt fertig – aber wie kommt der Film auf die Leinwand? Filmemacher gehen manchmal unkonventionelle Wege, um ihr Publikum zu erreichen. Das müssen sie auch.

Von Carolin Conrady

Theoretisch ist es ganz einfach – um ins Kino zu kommen, braucht ein Film einen Verleih. Der Verleih kauft die Rechte an einer Produktion und vertreibt sie dann. Lutz Rippe, Leiter der Marketing-Abteilung des Film-Unternehmens Studiocanal erklärt: „Bei uns landet der Film oft erst ganz am Schluss, in seiner endgültigen Fassung. Dann steigen wir ein und kümmern uns um das Marketing, das heißt unter anderem Trailer, Poster, Werbung. Häufig veranstalten wir eine große Premiere, dabei sind Schauspieler und Regisseure anwesend – und natürlich die Journalisten, die dann darüber berichten.“ Im nächsten Schritt startet der Film regulär in den Kinos. „Wir haben eine Dispo-Abteilung, die ist in erster Linie dazu da, um mit den Kinobetreibern in Kontakt zu sein – um manche Filme reißen sich die Kinos, bei anderen muss man hart daran arbeiten, sie unterzubringen“, so Rippe.

Alle wollen Aufmerksamkeit

In den letzten 30 Jahren hat sich die Anzahl der Filme, die auf den Markt drängt, verdoppelt. Das Publikum dagegen ist zahlenmäßig unverändert. Rein rechnerisch bleibt pro Film also nur noch die halbe Menge zahlender Zuschauer. Und: jeden Donnerstag laufen etliche neue Filme an und drängen andere Produktionen nach nur wenigen Wochen aus dem Programm. Um sich zu etablieren und von sich reden zu machen, bleibt wenig Zeit. Aber der Erfolg einer Produktion misst sich im Zuspruch des Publikums. Für Produzenten ist das, positiv formuliert, eine Herausforderung.

Arnaud Pasquali, Leiter der Promotion-Abteilung der EU-Filmförderung © David Ausserhofer, Berlinale 2012

Angesichts des großen Konkurrenzdrucks sei es umso wichtiger, dass Filmemacher schon während des Produktionsprozesses alles daran setzen, ihre Filme bekannt zu machen, sagt Arnaud Pasquali. Er ist Leiter der Promotion-Abteilung von MEDIA, dem EU-Filmförderung. Das Förderprogramm unterstützt europäische Filmprojekte und finanziert Crossmedia-Schulungen für Filmschaffende. Soziale Netzwerke, wie Facebook und Twitter, können wichtige Instrumente sein, um schon früh die Aufmerksamkeit des zukünftigen Publikums zu bekommen, so Pasquali.

 

 

So funktionieren die neuen Strategien

Soziale Netzwerke kommen potenziell immer dann ins Spiel, wenn es zum Film passt, oft bei Produktionen mit einer jungen Zielgruppe. So wie bei „Die Tribute von Panem“. Der Fantasy-Blockbuster im Stil von „Twilight“ und „Harry Potter“ startet im März 2012 – hat aber schon jetzt fast 100.000 Fans auf Facebook. Ergebnis einer durchdachten Marketing-Kampagne. „Für die Fans gibt es exklusive Trailer und Bilder zu sehen. Wir haben sie selbst Poster gestalten lassen. Einige durften zum Set in die USA fliegen – kurz: ohne Ende Interaktion. Das war viel Arbeit und hat viel Geld gekostet. Aber das macht sich letztlich bezahlt“, so Rippe von Studiocanal.

Die Netz-Gemeinde finanziert sich ihren Film

Ein anderes herausragendes Beispiel für gelungenes Marketing via Web ist die Science-Fiction-Komödie „Iron Sky“. Es ist die bisher größte Produktion, die sich in Teilen auf das Geld einer Internet-Community stützt. Gegen Ende der Dreharbeiten ging bei der finnisch-deutsch-australischen Co-Produktion das Geld aus. Regisseur Timo Vuorensola griff auf das Modell Crowdfunding zurück – Schwarmfinanzierung.

Geholfen hat sicherlich die Tatsache, dass Vuorensola eine Art Internet-Star ist. Im Jahr 2005 hat der Finne mit einigen Freunden, einer DV-Kamera und Minimal-Budget eine Startrek-Parodie gedreht. Die brachte es im Netz auf über 8 Millionen Downloads, lief letztlich in mehreren Ländern im Fernsehen.

Die Community von damals bezog der finnische Regisseur in die Arbeit an „Iron Sky“ ein. Er schrieb ein Produktions-Blog, und stellte Detailfragen zur Gestaltung in der Netz-Gemeinde zur Diskussion. So entstand schließlich die Idee, die Netz-Gemeinde im Gegenzug für eine gleichberechtigte Beteiligung an den Erlösen des Films auch um finanzielle Unterstützung zu bitten. Das rettete die Produktion vor dem Aus. Die Weltpremiere fand am 11. Februar auf der Berlinale statt. Ab dem 4. April 2012 soll „Iron Sky“ in über 20 Ländern in die Kinos kommen.

Großer Erfolg für wenig Geld

Ankica Juric Tilic, Film-Produzentin aus Kroatien © David Ausserhofer, Berlinale 2012

Ankica Juric Tilic gründete 2003 die Produktionsfirma Kinorama mit Sitz in Kroatien. Der Fokus der Firma liegt auf einheimischen Produktionen. Das kleine Unternehmen leidet sehr unter dem Aussterben der Programm- und Arthouse-Kinos. „Das erste, woran man spart, wenn das Budget knapp ist, ist das Geld, das ins Marketing geht“, so Tilic. Bei einem ihrer letzten Projekte entschied sich die Produzentin aus der Not heraus für ein „Low-Budget-Modell“ und die Veröffentlichung ausschließlich als „Video on Demand“.

100.000 Euro Budget, 12 Schauspieler, zehn Drehtage. Das war’s. Doch das Projekt lief so gut, dass inzwischen ein richtiger Kinostart bevorsteht. Finanziell kann Tilic das Vorgehen dennoch nicht weiterempfehlen: „Wir kamen im Prinzip bei Null raus“ – eher ein Modell für Idealisten, als für Geschäftsleute.

Film-Abend zu Hause vs. Luxus-Kino

Insgesamt haben „Video on Demand“ und andere Wege, um online an Filme zu kommen enorm an Bedeutung gewonnen. Auf Seiten der Filmverleiher stellt das insbesondere dann ein Problem dar, wenn Filme zeitgleich mit dem Kinostart online zur Verfügung stehen. Dennoch glaubt Lutz Rippe, dass sich am Stellenwert des Kinos nichts ändern wird: „Das sinnliche Erlebnis steht im Vordergrund. Die Leute haben Lust auf Kino.“

Wie das dann konkret aussehen kann, beschreibt Rippe so: „Es gibt eine Tendenz dahin, dass das Kino immer stärker zum Erlebnis wird. Man zahlt für die Karte etwas mehr, aber bekommt dafür das komplette Paket: Jemand parkt das Auto, man sitzt in bequemen Sesseln und hat Service am Platz.“ So bekommt die Bezeichnung „Event-Kino“ in der Tat eine andere Dimension.